Portrait dans le spiegel

2013

Ein schrecklich schöner Mann

Julien Rochedy rekrutiert den Nachwuchs für eine Partei, deren Gründer den Holocaust verharmloste. Trotzdem ist der 25-Jährige auch bei Studenten beliebt.
Der Typ, der da an einem Dienstagnachmittag ein schmuckloses Gebäude in einem Vorort von Paris betritt, sieht aus wie ein Model aus dem Versandhaus-Katalog: braune Augen, Dreitagebart, männliches Kinn mit Grübchen.
Jungen Frauen, denen er auf dem Flur begegnet, gibt der Beau links und rechts ein Küsschen, alle anderen grüßt er freundlich und lächelnd. Als Frau oder schwuler Mann könnte man sich glatt in ihn verlieben.
Allerdings ist der schrecklich schöne Mann nicht nur Literaturliebhaber, Ex-Student der internationalen Beziehungen und Buchautor. Er ist auch der Chef der Jugendorganisation des Front National (FN), einer noch immer homophoben, islamfeindlichen, rechtsextremen Partei mit einem Parteigründer, der den Holocaust verharmloste und gegen Schwarze wetterte.
“Rechtsextrem?”, Julien Rochedy, 25, verzieht sein Gesicht. “Ach was.” Er sitzt in seinem Büro in der Parteizentrale des FN, an der Wand hängen zwei große französische Flaggen, daneben ein Riesenposter von Marine Le Pen, der amtierenden Chefin des FN und Tochter des Parteigründers Jean-Marie Le Pen. “Ich bin nicht rechtsextrem, ich bin einfach Patriot”, sagt er. Dann zündet er sich eine Zigarette an. “Blaue Gauloises, französisch, extra stark”, sagt er, “tolle Symbolik, oder?”
Rochedy betont oft, kein Rassist zu sein, auch ungefragt. Er redet über seinen Freundeskreis, als spreche der ihn frei von jedem Verdacht: Schwarze Studenten seien darunter, Juden, Araber. Er habe nichts gegen den Islam, nur gegen die Islamisierung Frankreichs. Neulich habe er sogar einen Kebab gegessen.
Er entschuldigt sich für die Unordnung in seinem Büro, alles sieht ein bisschen improvisiert aus, es riecht nach kaltem Rauch. Eine Hantelbank steht in der Ecke, Rochedy hat sie vom Sperrmüll hergeschleppt. Er fand es “Rock’n’Roll”, so ein Gerät im Büro zu haben. “Rock’n’Roll” ist eines seiner Lieblingsworte, er benutzt es als Adjektiv. Auch der Front National sei “Rock’n’Roll”, das sei ihm schon als Teenager aufgefallen, sagt er.
Die Gegend an der Ardèche, in der er aufwuchs, versank bereits in den Neunzigern in sozialen Problemen. Freunde, Bekannte, Verwandte verloren ihre Arbeit, und manche Straßenzüge wurden so unsicher, dass man nachts nicht mehr allein unterwegs sein konnte. “Ich habe erkannt, dass unsere Gesellschaft am Arsch ist”, sagt Rochedy. “Und die Politiker an der Macht, die für diese Zustände verantwortlich waren, hassten den FN. Da wusste ich: Da gehöre ich hin.”
Mit 18 wird er Mitglied des FN, etwas später beginnt er sein Studium und schreibt ein Buch mit dem Namen “Le Marteau” (“Der Hammer”). Es ist eine Abrechnung mit der modernen Gesellschaft – und ein Plädoyer für eine Politik der Stärke. An der Universität Lyon III tritt er der politischen Studentenorganisation “Union nationale inter-universitaire” (UNI) bei. Unter diesem Namen organisieren ultrakonservative Akademiker parteiübergreifend Plakatkampagnen mit Slogans wie “Franzose und stolz darauf” oder “Zu viel Immigration schadet der Integration”. Rochedy und seinen Freunden sind die Ideen nicht rechts genug. Rund 20 der 30 ständigen Mitglieder wechseln später mit ihm zum FN – außerhalb des Campus.
Rochedys Aufstieg in der Partei beginnt, als Anfang 2011 Marine Le Pen an die Parteispitze gewählt wird. Der Tochter des FN-Gründers gelingt es, das Image der Partei zu entdämonisieren. Nazi-Parolen werden verboten, dunkelhäutige Mitglieder in die erste Reihe gestellt. Heute hat die FN etwas freundlich Sektenhaftes, und Marine Le Pen ist ihr Messias.
Rochedy ist fasziniert von der selbstbewussten Anwältin in Jeans und Blazer, die bei Parteiveranstaltungen die Massen mit ihren polternden Reden begeistert. “Sie hat mich verführt”, schwärmt er. “Marine ist mutig, stark, modern. Ich dachte mir: Mit ihr können wir es an die Macht schaffen.” Als die Parteiführerin wenig später vor dem Gebäude vorfährt und mit grimmiger Miene aus dem Wagen steigt, reckt Rochedy aufgeregt den Kopf aus dem Fenster. “Oh, oh, die Chefin ist schlecht gelaunt”, sagt er und duckt sich weg. Plötzlich wirkt er ganz klein.
Am Aktenschrank in Rochedys Büro klebt ein Flyer des FN-Gründers Le Pen. Der Alte ist immer noch politisch aktiv. Er bindet die klassisch rechtsextremen Stammwähler an die Partei, während seine Tochter die Stimmen der Arbeiterklasse erobert und Jungpolitiker wie Rochedy sich um den Nachwuchs kümmern. Das geht leicht in einem Land, in dem derzeit ein Viertel der unter 25-Jährigen keine Arbeitsstelle findet und auch Nachwuchs-Akademiker weniger Chancen als früher haben.
2008 hatte der Front National rund 20000 Mitglieder, heute sind es nach eigenen Angaben dreimal so viele, allein in der Jugendorganisation sollen 20000 aktiv sein, darunter weit über die Hälfte Studenten. Die meisten seiner heutigen Freunde in der Partei studieren oder haben studiert, sagt Rochedy. Er ist der große Star dieser jungen Menschen, und er ist auch im französischen Fernsehen beliebt. Während sich seine Gegenspieler in zu großen Sakkos und defensiven Phrasen winden, punktet Rochedy – meist im Maßanzug – durch sein verbindliches Auftreten. Er spricht klar und verständlich, mit einer ausgewogenen Mischung aus Wut und Besorgnis in der Stimme. Er sagt dann Sachen wie: “François Hollande hat in seiner bisherigen Amtszeit nichts geleistet, außer die Homoehe einzuführen und das Land tief zu spalten.” Der Satz ist nicht ganz falsch, und er kommt an bei den Wählern: Laut jüngsten Umfragen kann der FN bei den Europawahlen im Mai auf 24 Prozent der Stimmen hoffen.
Rochedy ist kein Wüterich wie FN-Gründer Le Pen, er ist auch nicht derb wie dessen Tochter. Und gerade deshalb läuft einem ein kalter Schauer den Rücken herab, wenn er mit sanfter Stimme über Homoehe, Nationalstolz und Flüchtlingspolitik spricht. “Homosexualität ist eine kulturelle Praxis, die biologisch keinen Sinn ergibt”, sagt er. Außerdem will er die Zahl der Menschen, die ins Land immigrieren, von derzeit 200000 auf unter 10000 im Jahr reduzieren. “Warum sollen wir Leute aufnehmen, die uns nichts bringen?”, fragt er lächelnd.
Das Männermagazin “ELLE Man” störte solch markige Sprüche nicht, es präsentierte Rochedy im Herbst auf seiner Internetseite als Modevorbild unter dem Titel “It-Boy oder Hate-Boy?”. Auf Druck der Leser musste die Redaktion den Artikel löschen. Julien Rochedy kringelte sich vor Lachen: “Sie hassen uns dafür, dass wir nicht ihrem Klischee entsprechen. Es macht sie ganz verrückt, dass wir nicht dumm sind und hässlich.”

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